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Glutenfrei als Trend – wann Verzicht wirklich sinnvoll ist


Bild: Andrea Warnecke/dpa-tmn

Bio, vegan oder eben glutenfrei: Auf vielen verarbeiteten Lebensmitteln prangende Labels, die einen Mehrwert verheißen. Die durchgestrichene Ähre ist vor allem für Menschen mit der Autoimmunerkrankung Zöliakie gedacht. Sie sind auf diese Lebensmittel genauso angewiesen wie auf glutenfreie Gerichte in Restaurants oder alternative Backzutaten. Für andere hält sich der Mehrwert von «glutenfrei» dagegen in Grenzen. 

Prof. Peter Hasselblatt leitet die Magen-Darm-Ambulanz des Universitätsklinikums Freiburg. Er erklärt, für wen glutenfreie Ernährung überlebensnotwendig ist und für wen sie sich lohnen könnte.

Kann man sich glutenfrei ernährt besser fühlen, auch wenn man keine Zöliakie hat?

Prof. Peter Hasselblatt: Es gibt tatsächlich einige Menschen, die weder eine Zöliakie noch eine Weizensensitivität haben, und sich mit einer glutenfreien Ernährung subjektiv besser und fitter fühlen.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Weizengetreide eine entzündungsfördernde Wirkung haben könnten, reichen bisher noch nicht aus, um der breiten Bevölkerung langfristig eine streng glutenfreie Diät zu empfehlen. Wenn jemand gesund ist und keinerlei Beschwerden hat, gibt es keine Notwendigkeit, dass er oder sie sich glutenfrei ernährt.

Bei Beschwerden wie chronischer Müdigkeit, unklaren Hautausschlägen oder Bauchbeschwerden sollte mittels Bluttest eine Zöliakie ausgeschlossen werden. Wenn das der Fall ist, liegt möglicherweise eine Weizensensitivität vor, also eine nicht durch das Immunsystem vermittelte Unverträglichkeit von Weizen.

Daher kann man durchaus für ein paar Wochen ausprobieren, ob sich die Beschwerden unter einer glutenfreien Diät verbessern. Aber wenn man gesund ist, wird man ohne Gluten nicht noch gesünder. Im Gegenteil, es gibt eher Risiken, die man abwägen muss.

Was wären denn Nachteile einer glutenfreien Ernährung?

Hasselblatt: Wenn man sich ohne Not glutenfrei ernährt, besteht das Risiko einer einseitigen Ernährung. Glutenfreie Lebensmittel enthalten oft mehr ungesunde Fette und Zucker. 

Vor einigen Jahren haben Studien ergeben, dass Menschen, die sich glutenfrei ernähren, statistisch gesehen möglicherweise ein etwas erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Man vermutet, dass es daran lag, dass diese Menschen auf Vollkornprodukte verzichtet haben, die die Darmflora günstig beeinflussen.

Wer kein glutenhaltiges Getreide isst, weicht außerdem oft auf Ersatzprodukte wie Reiswaffeln aus. Die vermehrte Aufnahme von Reis kann laut Untersuchungen aber auf lange Sicht die Schwermetallbelastung im Körper leicht erhöhen.

Man muss allerdings auch sagen: Niemand vergiftet sich, weil er sich glutenfrei ernährt. Aber man braucht im Grunde einen Leidensdruck, um so eine Diät zu machen. Es erfordert ein gewisses Commitment, sowohl finanziell als auch, was die Einschränkungen im Alltag angeht. So etwas macht man eigentlich nicht zum Spaß.

Wer muss sich auf jeden Fall glutenfrei ernähren?

Hasselblatt: Für Menschen, die Zöliakie haben, ist es essenziell, dass sie sich lebenslang streng glutenfrei ernähren. Denn bei einer Zöliakie reagiert das Immunsystem gegen Gluten bzw. den Glutenbestandteil Gliadin.

Verzichten die Betroffenen nicht auf Gluten, kann es zu einer fortwährenden Entzündungsreaktion im Dünndarm kommen, die zu langfristigen Komplikationen führen kann. Insbesondere kann es sein, dass durch die Entzündung Nahrungsbestandteile wie Eisen im Dünndarm nicht richtig aufgenommen werden können. Die chronische Entzündungsaktivität ist außerdem ein wesentlicher Risikofaktor für Krebs.

Dann gibt es noch Menschen, die eine Nahrungsmittelunverträglichkeit im Rahmen einer Weizensensitivität haben. Dabei führen allerdings weniger das Gluten, sondern vielmehr andere Getreidebestandteile, die sogenannten ATI (Amylase-Trypsin-Inhibitoren) zu Darmbeschwerden.

Um nicht zu viel Gluten und ATI aufzunehmen, kann man zum Beispiel versuchen, ob man anstelle von Weizen mit anderen Getreiden wie Hafer besser klarkommt, die weniger Gluten und ATI enthalten.


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(29.09.2026)